Foto: Katrin Mevißen, Copyright: UNS

Die Kolumne im Januar – Zu Tisch mit – Elif Manaz – Stadtteilaktivistin

Über den Dächern bekommt man gute Einblicke. So geht es auch Elif Manaz in ihrer Wohnung an der Roßstraße. Von ihrem Balkon im vierten Stock schaut man in einen typischen Innenstadthof: ein paar Bäume und eine alte Fabrikhalle, etwas Grün und etwas Beton.

Das ist genau die Art Stadtlandschaft, die die 29-Jährige liebt. Daher hat sie sich vor einigen Monaten auch bewusst für ihr Viertel entschieden, obwohl sie ein interessantes berufliches Angebot aus Köln vorliegen hatte. „Ich kann nicht verstehen, warum manche immer nur meckern“, erklärt sie. „Wer will, kann hier im Viertel sehr gut leben. Die Leute halten zusammen und helfen sich gegenseitig. Dafür musst du allerdings auch aktiv auf die Menschen zugehen. Wenn ich kann, helfe ich Neuankömmlingen gerne dabei, wie ich es vor kurzem mit einer Freundin, die aus Budapest hergezogen ist, getan habe.“

Auch Elif Manaz war einmal Neuankömmling in Krefeld. Ihre kurdische Familie floh aus der Osttürkei als sie noch ein Baby war. Über die Schweiz kam sie im Alter von nur zweieinhalb Jahren nach Krefeld und wohnte hier zunächst in einem Asylbewerberheim. Nach einem halben Jahr fand die Familie eine Wohnung in der Adolfstraße nahe des Rings, von wo aus sie kurz danach in die Lewerentzstraße umzog. In der Südstadt angekommen, besuchte Elif die damalige Lewerentzschule und spielte mit ihren Freunden auf dem Alexanderplatz. Dann wurde das ganz normale Leben eines Einwandererkindes jäh unterbrochen. Der Familie Manaz drohte die Abschiebung. Nachdem der Vater tatsächlich in die Türkei ausreisen musste, begaben sich Elifs Mutter und ihre Kinder in ein Kirchenasyl bei der altkatholischen Gemeinde im Dreikönigshaus, wo sie eineinhalb Jahre aushalten mussten.

„Das schlimmste war, dass wir während des Asyls überhaupt nicht vor die Tür durften“, erinnert sich die junge Frau. „Umso mehr habe ich anschließend meine Freiheit genossen.“ Trotz eineinhalb Jahren eingeschränkter Lernmöglichkeiten bestand sie problemlos alle Abschlussprüfungen und begab sich auf Lehrstellensuche. „Für mich war schon seit der frühen Kindheit klar, dass ich Friseurin werden möchte“, sagt sie lächelnd. „Meine Ausbildung habe ich dann bei Viva Capelli auf der Stephanstraße begonnen und auch gut abgeschlossen. Danach wollte ich erst einmal raus und begab mich auf die ‚Walz‘, was bei Friseuren überhaupt nicht üblich war – und für Frauen schon gar nicht. Aber ich hatte Geld gespart und meinen täglichen Bedarf konnte ich zum Teil durchs Haareschneiden decken. So kam ich in sechs Monaten von Kopenhagen über Norwegen und Osteuropa nach Istanbul.“

Zurück in Deutschland ging Elif nach Heidelberg, um ihre Ausbildung mit dem Meisterabschluss zu komplettieren. Die stressige, sehr theorielastige Meisterschule schaffte sie in drei Monaten und wollte nun beruflich durchstarten. Aber das erwies sich als gar nicht so einfach. Denn obwohl – oder vielleicht gerade weil sie bereits viel in der Welt herumgekommen, hat sich die kurdischstämmige Krefelderin in die Stadt ihrer Kindheit verliebt, und wollte daher keine Jobangebote aus anderen Städten annehmen. „Krefeld hat für mich die perfekte Größe“, schwärmt sie. „Das Kulturleben hier ist wirklich cool. Es gibt so viel spannende Sachen, von denen aber oft kaum jemand etwas weiß – vom Karaoke im Jazzkeller bis zur monatlichen Fahrraddemo.“ Und genau als ihr angeboten wurde, einen Friseursalon in Köln zu übernehmen, begann sich die Südstadt zum Samtweberviertel zu entwickeln.“

„Projekte, wie sie jetzt von der UNS angestoßen werden, wollte ich schon immer machen“, freut sich die Südstadtaktivistin. „Schon früher haben wir zum Beispiel regelmäßig Kochaktionen gestartet und Leute mitessen lassen, die kein Geld haben.“ Als dann 2014 der erste Projektaufruf veröffentlicht wurde, war für Elif klar, dass sie sich beteiligt. „Ich wollte schon immer etwas mit Kindern machen“, erzählt sie. „In der Südstadt leben viele Familien, die kaum Zugang zu Kunst und Kultur haben und kein Geld für kostenpflichtige Angebote. Gerade diesen Kindern möchte ich helfen. Deshalb habe ich das Projekt „Nachbarschafft Kunst“ entwickelt. Dabei liegt mein Fokus nicht auf der Kunst, sondern darauf, den Kindern eine Möglichkeit zu geben, zusammen zu kommen und Freundschaften zu entwickeln. Die Kunst ist dabei ein Instrument, Hürden zu überwinden.“ So trifft sie sich jetzt immer in den Schulferien zusammen mit der Kommunikationsdesignerin Anna Gräser mit Kindern um Street Art auf Häuserwände zu malen. Damit die Kinder ihre neuen Kontakte nicht wieder verlieren, findet darüber hinaus jeden zweiten Sonntag im Monat ein Treffen statt.

Und auch Elif Manaz Traumprojekt hat mit Kindern zu tun: Ihre Idee ist es, einen Friseur- und Kreativladen zu eröffnen, der zugleich Treffpunkt für Kinder und Jugendliche ist. „Die Kinder sollen einfach so kommen können, hier ihre Freundschaften leben und wenn sie wollen, auch kreativ sein. Ich sehe das deutlich vor mir und habe mir auch schon einige Ladenlokale in der Südstadt angesehen. Bis jetzt war das richtige noch nicht dabei. Aber ich bin überzeugt, dass ich die passenden Räume finden werde.“

Bis dahin sitzt Elif Manaz über den Dächern Krefelds, trinkt Mate-Tee und freut sich, dass sie in ihrer Lieblingsstadt leben darf.

3 Responses to Die Kolumne im Januar – Zu Tisch mit – Elif Manaz – Stadtteilaktivistin

  1. J.Monderkamp sagt:

    Liebe Frau Manaz!

    Ihre Geschichte sollte in ein Buch. Zumindest in die sehr gute Zeitschrift „“die Heimat“
    (Kontakt über Herrn Dr.Dautermann, Stadt Krefeld, Museumszentrum Linn, 155 39 115 / 116.)

  2. Taapken sagt:

    Hallo liebe elif
    Ich finde das gut was du tust
    Weiter so
    Leben mit Vision
    Nur wer so lebt kommt an das Ziel
    Herzliche Grüße
    Wilfried Taapken

  3. Taapken sagt:

    Und… Lass dich nicht vermarkten

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