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Die Kolumne im Juli: Zu Tisch mit Elisabeth Kreul – Geschäftsführerin der Krefelder Emmaus-Gemeinschaft

„Wir wollen, dass die Menschen sich entwickeln!“
In einer versteckten Ecke der Alten Samtweberei gibt es eine unscheinbare Tür, die direkt in einen kleinen, verwunschenen Garten führt. Durch diese Tür kommt man aus der Welt der Pioniere und Design-Experten ohne Übergang mitten hinein in das Leben von Menschen, die auf der Schattenseite unserer Gesellschaft stehen.

In diesem Garten treffen wir Elisabeth (Elli) Kreul, die die Krefelder Emmaus-Gemeinschaft 1992 gegründet hat. Emmaus entstand nach dem Zweiten Weltkrieg durch den „Armenpriester“ Abbé Pierre, der nicht mit ansehen wollte, unter welchen Bedingungen Wohnungslose in der französischen Hauptstadt lebten. Im Geist ihres Gründers lebt die Emmaus-Gemeinschaft heute unter den Grundsätzen: „Solidarität mit den Schwächsten“, „Menschen finden ein Dach über dem Kopf“ und „Leben und Arbeiten in der Gemeinschaft, um sich wieder aufzurichten“. Inzwischen gehören Emmaus weltweit mehr als 300 Gruppen in 36 Ländern an. In Deutschland gibt es neben Krefeld derzeit Emmaus-Gemeinschaften in Köln und Sonsbeck.
Elli Kreuls Weg zu Emmaus begann direkt nach ihrem Abitur mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr: „Eigentlich war ich nur nach Frankreich gefahren, um mein Französisch aufzubessern“, erinnert sie sich. „Dann habe ich Emmaus kennen gelernt und war fasziniert von der Idee, vor der eigenen Haustür aktiv zu werden und Menschen, die ‚Lebensunfälle‘ erlitten haben und nicht mehr gut alleine leben können, dabei zu helfen, sich selbst zu helfen.“ Seit 1988 ist sie Emmaus-Mitglied oder „Compagnon“ (weiblich „Compagne“). Als Geschäftsführerin der Krefelder Gemeinschaft hat sie zwar besondere Aufgaben aber keinen privilegierten Status: „Genau wie alle anderen bekomme ich nur Kost, Logis und ein Taschengeld“, erklärt sie. Dabei sind ihre Aufgaben durchaus vielfältig und ihr Terminkalender in der Regel gut gefüllt, wobei der Tagestreff nur einen kleinen Teil ihrer Aufgaben darstellt.
„Kern einer jeden Emmaus-Gruppe ist immer die Wohngemeinschaft“, so Elli Kreul. „Hier in Krefeld sind wir zurzeit Zwölf, die in unseren Räumen an der Peter-Lauten-Straße wohnen.“ Von hier aus fährt das Emmaus-Team fast täglich los, um Wohnungsauflösungen und Umzüge durchzuführen. Möbel und Haushaltsgegenstände, die man dabei erhält werden anschließend im großen Second-Hand-Markt in den eigenen Räumen angeboten. Erst die Erlöse aus diesen Aktivitäten ermöglichen die wirtschaftliche Unabhängigkeit, ein wichtiges Prinzip aller Emmaus-Gemeinschaften. „Bei uns bekommt keiner Arbeitslosengeld“, berichtet die Geschäftsführerin stolz. „Wir sind unabhängig von staatlichen Zahlungen.“
Seit 19 Jahren zur Emmaus-Familie gehört der 44-Jährige Eric, der seit einem Jahr in Krefeld lebt. Zu seinen Aufgaben gehört die Organisation des Tagestreffs. Vorher hatte er bereits bei Emmaus Köln Suppe an Obdachlose ausgeschenkt. Er freut sich, armen Menschen helfen zu können, sieht aber auch die Probleme: „Manche, die auch ein warmes Essen gebrauchen könnten, kommen nicht zu uns, weil sie hier keinen Alkohol mitbringen dürfen“, erzählt er. „Das Emmaus-Konzept zielt darauf ab, Menschen zu helfen, sich weiter zu entwickeln“, ergänzt Elli Kreul. „Deswegen möchten wir, dass alle, die unserer Gemeinschaft angehören, auch unsere Regeln akzeptieren und sich regelmäßig an Arbeit und Gemeinschaftsaufgaben beteiligen. Auch im Tagestreff versuchen wir die Besucher dazu zu bewegen, sich mehr einzubringen und für ihr eigenes Leben wieder mehr Initiative zu entwickeln.“

 

 

Eng verbunden mit Emmaus ist die Beschäftigungsinitiative „Anstoss e.V.“, die einen professionellen Gartenbaubetrieb und einen Second-Hand-Fahrradhandel betreibt und Reparatur-Cafés für Zweiräder durchführt. Ebenso wie Emmaus möchte Anstoss Menschen helfen, Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und wieder eigenverantwortliches Handeln zu lernen. Entstanden war die Initiative 1998, weil immer wieder Menschen in den Tagestreff kamen und fragten, ob es nicht auch Arbeit für Menschen gebe, die nicht zur Emmaus-Gemeinschaft gehören. „Organisatorisch sind wir getrennt, aber wir arbeiten trotzdem eng zusammen“, erklärt Elli Kreul, „Wir sind zwei und wir sind eins!“
Ein wichtiger Grundsatz der Emmaus-Geschäftsführerin, ist es, mit ihrer Gemeinschaft am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. „Unsere Türen sind grundsätzlich offen. Wir freuen uns über jeden, der zu uns kommt. Dazu engagieren wir uns im Krefelder Sozialbündnis, dem Flüchtlingsrat und anderen lokalen Organisationen. Wir würden uns sehr freuen, wenn mehr Bewohner des Samtweberviertels zu uns in den Tagestreff-Garten kommen oder an unseren Aktivitäten teilhaben. Aus Anlass des Viertelpuls-Festivals (17.-27. September) laden wir herzlich zu uns ein und auch danach gibt es vielfältige Aktionen. Wer die Räume an der Peter-Lauten-Straße kennen lernen möchte, kommt am besten am 29. August zu unserem großen Sommerfest. Da gibt es auch ein tolles Kulturprogramm, etwas Leckeres zu Essen und man kann in unserem Second-Hand-Markt stöbern.“
Kontakt www.emmaus-krefeld.de und www.anstoss-krefeld.de

One Response to Die Kolumne im Juli: Zu Tisch mit Elisabeth Kreul – Geschäftsführerin der Krefelder Emmaus-Gemeinschaft

  1. Falkenberg sagt:

    Ich war in den 1990er und den 2000er Jahren mehr als einmal in der Situation, mein Leben mehr oder weniger „an die Wand gefahren“ zu haben. Damals war ich heilfroh, dass es die EMMAUS-Gemeinschaft in Krefeld gab, wo ich – total verdreckt – einfach nur anklopfen musste! Nie wurde mir die Aufnahme verweigert!
    Diese großherzige Offenheit und Bereitschaft zur augenblicklichen Hilfe findet man nicht nur in der Krefelder Gemeinschaft, sondern auch in praktisch allen anderen Standorten von EMMAUS, zum Beispiel in allen französischen Gemeinschaften!
    Es wäre sehr wünschenswert, wenn im superreichen Deutschland mit seinem Überfluss noch mehr Menschen es wagen würden, eine Gemeinschaft ins Leben zu rufen!, so wie Elli es gemacht hat!
    Ich bin dazu gesundheitlich nicht in der Lage, aber ich danke Elli und ihren Mitstreitenden über alle Maßen!

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