2. »Sprechen« ohne Worte

Autor/in: Bettina Heymann

„Sprechen“ ohne Worte
Sie tanzen, stampfen, hüpfen, singen, lachen – und manchmal weinen sie auch miteinander. So machen sich junge Asylsuchende und Migranten aus aller Welt in Ellen Schlottners Kurs „Starke Wurzeln – Starke Flügel“ im Samtweberviertel verständlich – ohne Worte.

Verständigung und Integration ohne viele Worte
Ihre Praxis liegt neben einer zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Turnhalle im Samtweberviertel. Ellen Schlottner sah jeden Tag, wie dort zum Warten und Nichtstun zusammengelegte Menschen unterschiedlichster Herkunft und mit ungewisser Zukunft leben. „Ich wollte etwas tun und dachte, ich helfe am besten, wenn ich anbiete, was ich kann.“ Seit über 30 Jahren arbeitet die Krefelderin als Gesprächs-, Atem- und Körpertherapeutin. Sie ist überzeugt: „Menschen in so einer Situation tut es gut, sich zu bewegen, kreativ zu sein, sich auszudrücken und auch mal Freude zu erleben.“
Vom Sprachcafé Sarah und der Bürgerinitiative Rund um St. Josef unterstützt, rief die 63-Jährige im Juli 2015 ihren Kurs „Starke Wurzeln – Starke Flügel“ ins Leben: kostenlose, freie Abende für Asylsuchende und Migranten zwischen 19 und 30 Jahren. „Ich bin herübergegangen zur Turnhalle und habe die Leute direkt angesprochen, irgendwie, mit Händen und Füßen. Zuerst waren es nur Männer, weil in der Turnhalle anfangs nur Männer untergebracht waren. Inzwischen leben dort Familien mit Kindern, und jetzt kommen auch Frauen. Einige können ein bisschen Englisch, aber kaum jemand spricht Deutsch“, erzählt Ellen Schlottner.
Sie nutzen andere Mittel, um sich zu verständigen, wenn sie alle zwei Wochen dienstags in den Bewegungsraum der Bürgerinitiative kommen. „Zuerst tanzen wir eine Stunde zusammen, nach den ‚fünf Rhythmen“ im Freien Tanz. Es geht von fließend über richtungsgebend hin zu stampfend, wieder zum Leichten und dann in die Stille“, erklärt die Diplom-Pädagogin und Therapeutin den Ablauf der Kursabende. „Das ist alles, was ich vorgebe. Richtig oder falsch gibt es nicht. Das ist sehr entspannend, einfach mal die Gedanken loszulassen und nur auf den Körper zu hören.“
Ellen Schlottner sucht sorgfältig passende Weltmusik aus, beispielsweise äthiopischen Reggae der Zion Roots oder Songs des libanesischen Superstars Fairuz. „Die ist sehr beliebt bei Leuten aus dem arabischen Raum. Aber auch alle anderen freuen sich, wenn sie Musik hören, die sie kennen.“ Nicht ganz einfach – die Kursleiterin ist selbst überrascht, wie kosmopolitisch „Starke Wurzeln – Starke Flügel“ ist: „Es kommen ja immer wieder andere Menschen; aus Afghanistan, Iran, Irak, Ägypten, Eritrea, Somalia, Türkei, Marokko, Tadschikistan, Kasachstan … Insgesamt waren schon Leute aus 15 Nationen dabei.“
Jeder bringt das ein, was er will – und was er kann. Das ist besonders interessant beim sogenannten „spontanen Ausdruck im offenen Raum“. Ellen Schlottner macht diese kreative Übung immer im Anschluss an den Freien Tanz. „Das ist eigentlich das Kernstück meiner Arbeit. Nach dem Tanz setzen sich die Teilnehmer in einem Karree auf den Boden, und wer mag, kann in die Mitte gehen und seinen individuellen Impulsen folgen, um seine Stimmung auszudrücken. Die meisten möchten.“ Manche tanzen weiter, auch ohne Musik, andere singen oder sagen ein Gedicht oder Gebet in ihrer Muttersprache auf. Im Unterschied zum normalen Theater sind die anderen nicht einfach Zuschauer, sondern „wohlwollende Beobachter“. Ellen Schlottner erzählt: „Ein Mann, der sich wegen starker Kriegsverletzungen am Bein und an einer Hand nur ganz eingeschränkt bewegen kann, hat sich getraut, auf dem Boden kniend fünf Minuten lang nur mit seinem gesunden Arm zu tanzen. Wir waren alle im Innersten berührt, jeder von uns hat sich mit ihm verbunden gefühlt.“
Direkt neben dem Flüchtlingsheim im Samtweberviertel entstehen dank nachbarschaftlichem Engagement Momente interkultureller Verständigung, Anteilnahme und Integration – nicht durch Worte, sondern durch eine andere Sprache, die jeder versteht.

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