Foto: Eberhard Weible, Copyright: UNS

Ein Jahr Pionierhaus

„Für einen Selbständigen ist das hier die beste Art zu arbeiten!“

Am 1. September 2014 treten die ersten Mietverträge der Pioniere in Kraft. Für viele Kreative ist dies aber nur eine formale Bestätigung ihrer bereits Monate vorher gestarteten Mieterkarriere. Seit Juli wird in dem 60er-Jahre Verwaltungsbau gewerkelt, gestrichen und gesägt, so dass die Besucher zum ersten Tag der offenen Tür Anfang September schon sehr viel Pionieratmosphäre schnuppern können. Dabei hat es im Vorfeld einige Skeptiker gegeben, die bezweifeln, dass die Betreibergesellschaft UNS dieses Projekt im Zeitplan stemmen wird – ein Umbau in zweieinhalb Monaten mit einem so knappen Budget – das klappt nie, und außerdem würden sich in Krefeld kaum so viele „junge Kreative“ finden, die in dieses unfertige Gebäude“ einziehen wollen. Aber es kommt anders. Es ist überhaupt kein Problem, die größeren und kleineren Büro- und Atelierräume zu vermieten. Schon Monate vor dem offiziellen Starttermin bildet sich eine lange Warteliste.

Gerade der unfertige Ausbauzustand und die damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten sind für manche Pioniere ein Argument, in die Lewerentzstraße zu ziehen. Hier mietet man keine unantastbare weiße Bürozelle, sondern einen selbst zu gestaltenden Raum, mit dem man nahezu machen kann, was man will. Für manche Mieter, die sich gezwungen sehen, mehr Zeit, Geld und Arbeitskraft für ihren Raum zu investieren, als sie eigentlich übrig haben, ist diese Unfertigkeit allerdings auch ein Nachteil.

Als Katalysator für den „Pionierboom“ erweist sich die nahe Hochschule Niederrhein mit ihren kreativen Studiengängen. Aus dem Fachbereich Design und seinem Umfeld kommen die ersten Interessenten. Die großen Atelierflächen im vierten Stock mit Blick über das Viertel reservieren sich aus Hochschulabsolventen bestehende Kreativagenturen und auch im ersten Geschoss dominieren Designer und Kommunikationsexperten. Dazu kommen einzelne Kreative anderer Fachrichtungen wie Filmproduktion, Siebdruck und bildende Kunst. Etwas aus dem Raster fallen zunächst nur ein Coach und ein Fördereinrichtung für Kinder und Jugendliche. Schnell bekommt das Pionierhaus den Ruf eines Krefelder Designzentrums. Die erst ab Anfang 2015 vermietete „Heimatetage“, die ursprünglich für Mieter mit Bezug zu den multikulturellen Wurzeln des Quartiers gedacht war, weist allerdings einen bunteren Branchenmix auf. Hier ziehen unter anderem ein Übersetzer, ein Veranstalter von iPad-Rallyes, ein Landschaftsarchitekturbüro, ein Werbetexter und ein Softwareentwickler ein.

 

Dabei geht es beim Konzept des Pionierhauses nicht primär darum, ein „Gründerzentrum für Kreative“ ins Leben zu rufen. Ziel ist es vielmehr, das Wirtschaften im Stadtteil mit Engagement und Verantwortung für das Gemeinwesen anzuregen. Deshalb gibt es das Schlüsselprojekt „Viertelstunden“, zu dem sich alle Pioniere in ihren Mietverträgen verpflichtet haben. Für jeden gemieteten Quadratmeter Bürofläche wird pro Jahr eine Stunde für gemeinnützige Projekte im Stadtteil erbracht. Für manche Mieter, wie das Landschaftsarchitekturbüro Schlothmann, ist gerade dies ein wichtiges Argument, in das Pionierhaus zu ziehen, um sich an dem innovativen Projekt zu beteiligen und neben den beruflichen Aktivitäten auch Arbeit für das Samtweberviertel zu leisten.

Für den Weg ins Pionierhaus gibt es ansonsten sehr unterschiedliche Gründe. Einige Mieter wollen sich aus der Isolierung ihres Homeoffice befreien, andere wollen ihren Unternehmenssitz aus dem Umland nach Krefeld verlegen, wieder andere, wie Fotograf Sebastian Maaß, sind neu in Krefeld und suchen neben einem Arbeitsraum vor allem Anknüpfungspunkte in der neuen Umgebung. Für viele Pioniere ist die enge räumlicher Nähe zu anderen Selbständigen das Hauptargument. Gerade für die Angehörigen kreativer Berufe ergeben sich hier viele Kooperationsmöglichkeiten – Kommunikationsdesigner finden zu Textern und Webprogrammierer zu Filmexperten. „Das Pionierhaus deckt das gesamte Spektrum einer Fullservice-Agentur ab“, freut sich Alexander Kryska von der Kreativagentur Stappen & Kryska, der vor einem Jahr noch an der Hochschule Niederrhein studiert hat. Für Berufsgruppen außerhalb des Designuniversums ist es zwar nicht ganz so einfach, Synergien zu erzeugen, aber auch hier entstehen immer wieder Anknüpfungspunkte.

Als UNS-Geschäftsführer Henry Beierlorzer am 1. September 2015 das Glas auf ein Jahr Pionierhaus erhebt, ist die Stimmung bei Pionieren und Mitarbeitern überwiegend gut. Die meisten freuen sich über ein Jahr Arbeiten im kreativen Umfeld, einige über gelungene Zusammenarbeit und gemeinsame Projekte. Einige, wie Ingo Mahlitz von „Loniac“ Filmproduktion, bedauern es aber auch, dass zwischen den einzelnen Etagen zu wenig Austausch stattfindet. Für ihn gibt es im Pionierhaus zu wenig gemeinschaftsstiftende Aktionen wie zum Beispiel ein sommerliches Grillen im Innenhof. Pünktlich zum Einjährigen gehen die Pioniere aber nun daran, auch den Kontakt zwischen den Pionieren der unterschiedlichen Etagen weiter zu intensivieren. Ab jetzt soll es jeden ersten Montag im Monat ein gemeinsames Frühstück für alle „Hausbewohner“ geben. Vielleicht ergeben sich so zukünftig noch mehr Synergien und gemeinsame Projekte!?

Trotz einzelner Mängel und Probleme, wie zum Beispiel der Einbruchsserie im Juli, zieht die große Mehrheit der Pioniere nach einem Jahr also eine positive Bilanz. „Für einen Selbständigen ist das hier die beste Art zu arbeiten!“ erklärt Webdesigner José Cielito-Pfister, der seinen Arbeitsplatz im Pionierhaus Angeboten aus großen Agenturen bisher vorgezogen hat. Die immer noch lange Warteliste zeigt, dass das Konzept Pionierhaus in Krefeld noch wesentlich mehr Interessenten finden würde. „Für junge Unternehmen und Selbständige ist es in Krefeld nach wie vor schwer, überhaupt ein bezahlbares Büro zu finden“, so Pionierhaus-Mieter Simon Schmidt, „geschweige denn einen Raum mit einem solchen Umfeld. Wenn es in Krefeld mehr Möglichkeiten und Räume für junge Unternehmen gäbe“, ist der Gründer der Teamevent-Agentur „Stadthelden“, überzeugt, „würde das den Standort Krefeld sicher aufwerten.“

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